Der WM-Kampf zwischen Max Verstappen und Lando Norris spitzt sich nicht nur in der Punktetabelle und auf der Strecke zu, auch auf politischer Seite werden inzwischen härtere Bandagen aufgefahren. Nach der Saga rund um den flexiblen McLaren-Heckflügel steht vor dem US Grand Prix in Austin Red Bull im Fokus. Am RB20 soll es einen Mechanismus geben, der es ermöglicht, die Bodenfreiheit selbst unter Parc-ferme-Bedingungen zu ändern. So die stark vereinfachte Variante.

Konkret geht es um den Bereich des Unterbodens, der im Formel-1-Reglement profan als 'vordere Unterbodenstruktur' bezeichnet wird. Der vorderste Abschnitt des Unterbodens wird im Volksmund auch gerne als Kufe, T-Tray, Bib oder Splitter bezeichnet.

Die Bodenfreiheit dieses Abschnitts ist ein entscheidendes Setup-Tool, weil es einerseits die Aerodynamik stark beeinflusst und anderseits maßgeblich für die Abnutzung des Unterbodens ist. Im Parc ferme sind Änderungen hier strikt verboten. Abgesehen von Frontflügel-Flaps und Reifendrücken darf am Setup zwischen Qualifying-Beginn und Rennstart nichts verändert werden.

Wie sieht das genau aus? Christian erklärt es euch in unserem Video direkt aus dem Fahrerlager in Austin - und zudem erklärt er darin alle Infos zu einer Regel-Überraschung und der wohl letzten großen Update-Schlacht in den USA:

Ist der Red Bull illegal? Formel 1 schafft Bonuspunkt ab! (09:47 Min.)

Red Bull RB20: Mechaniker-freundliches Formel-1-Auto

Red Bulls Konkurrenz will aber hier einen Trick am RB20 entdeckt haben. Die Teams dürfen die Kufe über ein kleine Feder-Dämpfer-Einheit an der Unterseite des Chassis befestigen. Dort kann auch die Bodenfreiheit an dieser Stelle justiert werden. Bei Red Bull ist der Mechanismus offenbar so konstruiert, dass dafür kein Werkzeug nötig ist.

Im Sportlichen Reglement heißt es aber in Artikel 40.9, "dass bei der physischen Inspektion klar sein muss, dass keine Änderungen ohne den Einsatz von Werkzeug vorgenommen werden können", damit die Technischen Kommissare die Einhaltung der Parc-ferme-Regeln zweifellos überwachen können.

Theoretisch könnten so heimlich Setup-Änderungen zwischen Qualifying und Rennen vorgenommen werden. Red Bull bestreitet gar nicht, dass es diesen Mechanismus gibt, weist allerdings daraufhin, dass man ohne Werkzeug überhaupt nicht an das entsprechende Teil kommt. Die Vorrichtung sitzt hinter der Pedalerie im Fußraum. Um Änderungen vorzunehmen, müssen andere Teile ausgebaut werden.

Deshalb muss Red Bull das entsprechende Bauteil auch nicht ändern. Trotzdem wirft die FIA künftig ein Auge darauf. "In diesem Zusammenhang haben wir verfahrenstechnische Anpassungen vorgenommen, um sicherzustellen, dass die Bodenfreiheit vorne nicht einfach geändert werden kann", heißt es in einem Statement.

FIA versiegelt fragliche Formel-1-Autos

Red Bull-Fahrer Max Verstappen in der Box
Illegaler Trick oder Hilfe für die Mechaniker?, Foto: Getty Images / Red Bull Content Pool

"In einigen Fällen kann dies die Anbringung eines Siegels erfordern", heißt es von der FIA weiter. Direkt vor der Qualifikation könnte zum Beispiel ein Aufkleber angebracht werden. Wird nach Beginn des Parc fermes noch etwas geändert, könnte man das an einer Beschädigung des Siegels einfach erkennen.

Bei der Konkurrenz schaut man genau auf die Vorgänge. "Es ist eine Sache, es am Auto zu haben. Es ist eine andere Sache, wie sehr man es ausnutzt und verwendet, und davon haben wir keine Ahnung", meint Lando Norris. "Wenn es ihnen geholfen hat, wenn sie es so genutzt haben, wie die Leute denken, dann hilft es uns vielleicht. "

Auch wenn der McLaren-Pilot nicht von einem großen Einfluss ausgeht, bei den kleinen Abständen zwischen den Teams könne das schon den Unterschied ausmachen. Norris outet sich deshalb als FIA-Fan: "Ich finde es gut, dass die FIA so etwas macht."

Norris: McLaren in Grauzone, Red Bull nicht

Im Gegensatz zur McLaren-Saga rund um den beweglichen Heckflügel ist die Sachlage für Norris hier anders: "Es gibt einen Unterschied zwischen solchen Schwarz-Weiß-Sachen und dem Ausloten von Grenzen, dem Schaffen neuer Dinge und der Innovation innerhalb des Raums, in dem man innovativ sein darf. Und da hat McLaren einen sehr guten Job gemacht."

Dass eine Nutzung des Mechanismus' während des Parc fermes illegal wäre, daran gibt es keine Zweifel. Auch die FIA stellt klar: "Jegliche Anpassung der vorderen Bodenfreiheit unter Parc-fermé-Bedingungen ist nach dem Reglement streng verboten." Einen Hinweis darauf, dass ein Team das getan haben könnte, gibt es aber laut Weltverband nicht.

"Es ist Open Source", verteidigt Weltmeister Verstappen sein Team. Das betroffene Teil wird vom Reglement als sogenanntes Open Source Component gelistet. Solche OSC-Teile dürfen zwar von den Teams selbst entwickelt werden, das Design muss aber auf einen FIA-Server hochgeladen werden, auf den auch die Konkurrenz Zugriff hat. "Jeder kann es sehen", so Verstappen, den die neueste Affäre gleich doppelt überraschte: "Als ich das las, dachte ich an andere Teams, die so etwas tun - und dann fand ich heraus, dass es unser Team betraf. Bei uns wurde das noch nicht einmal im Briefing erwähnt."

Technik-Wirbel hin oder her: Red Bull legte nach dem dominanten Saisonstart in diesem Jahr einen starken Performance-Absturz hin. Wie konnte es dazu kommen? Unser Christian sprach mit Dr. Helmut Marko über die Saison, die Auswirkungen der Horner-Affäre und vieles mehr. Gleich ansehen:

Red Bull Absturz! Wie konnte das passieren? Dr. Helmut Marko (39:31 Min.)